Willkommen im LWL-Internat Dortmund


Das LWL-Internat Dortmund ist eine Einrichtung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Auf unserer Homepage können Sie sich umfassend über das Internat informieren.
In der 12. Kalenderwoche 2011 ist das LWL-Internat in die in Dortmund-Aplerbeck fertiggestellten Neubauten (siehe Baubeschluss) eingezogen.

Die nachfolgende Bilderstrecke dokumentiert den Baufortschritt bis hin zur Fertigstellung der Gebäude.
Schnitte Grundrisse 3D-Schnitt Ansicht Innenhof
10.02.2010 - 16.02.2010 - 05.03.2010 - 22.03.2010 - 12.04.2010 - 03.05.2010 - 18.05.2010 - 25.06.2010 - 23.08.2010 - 17.09.2010 - 13.11.2010 - 17.12.2010 - 16.03.2011

Aktuelle Themen

Archiv Donnerstag, 05.05.2005, 00:00 Uhr Webmaster
Archiv
Die Sicht der Mutter eines Mädchens mit Hörbehinderung
Vortrag von Hildegard Enkel aus dem Jahr 2003 
Zum Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen (2003) hat der Landschaftsverband Rheinland (LVR) den Kongress

Europäisch denken, das Gemeinwesen stärken - Perspektiven der Hilfen für Menschen mit Behinderungen

durchgeführt. Als Auszug aus der Tagungsdokumentation können Sie nachfolgend den Vortrag von Hildegard Enkel lesen. Bis zum Sommer 2000 lebte ihre Tochter Stefanie im Westfälischen Schülerinternat Dortmund.


Meine sehr geehrten Damen und Herren,

in meinem heutigen Vortrag möchte ich den Weg aufzeigen, den meine gehörlose Tochter Stefanie (heute 22 Jahre alt) - gemeinsam mit uns, ihrer Familie (meinem Mann, ihrer hörenden Schwester Sandra, heute 24 Jahre alt, und mir) - von der Geburt bis zur Schulentlassung gegangen ist. Ich denke, dass unsere persönlichen Erfahrungen nicht auf jede Familie mit einem hörbehinderten Kind zu übertragen sind, weiß aber aus vielen Gesprächen, dass sich unsere Erkenntnisse vielfach mit den Erfahrungen Anderer decken.

Ich hoffe, mit meinem Vortrag Verständnis zu wecken für die Situation hörender Eltern mit hörbehinderten Kindern, vielleicht auch Anstöße geben zu können für die Weiterentwicklung von Strategien zur Unterstützung der betroffenen Familien.
Schwerpunkt meines Berichtes wird die Schilderung der Zeit vom ersten Verdacht der Hörbehinderung bis zum Eintritt in die Schule sein. Diese Zeit ist m. E. für eine Familie mit einem behinderten Kind die schwierigste Phase. In ihr wird der Grundstein gelegt für die emotionale, soziale und kognitive Entwicklung des Kindes. Familien mit einem behinderten Kind benötigen in den ersten Jahren nach der Feststellung der Diagnose einer Behinderung die ganz besondere Unterstützung der Gesellschaft.

Diagnose im Babyalter
Als unsere Tochter 4 Monate alt war, kam mit der erste Verdacht, dass unser Kind nicht hören könnte. Nach 4 weiteren Monaten - zwischen Hoffen und Bangen - und nach einigen Besuchen bei Ärzten und Kliniken wurde dieser Verdacht endgültig bestätigt. Die Diagnose lautete: "an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit".

Diese Diagnose zerstörte zunächstall unsere Hoffnungen und Wünsche, die wir für das künftige Leben unserer Tochter hatten. Ein erfülltes Leben als "Schwerhörige" oder "Gehörlose" war für uns damals nicht vorstellbar. Wir kannten niemanden,der schwerhörig oder gehörlos war. Die Gefühle wechselten zwischen Trauer, Wut und Schuldgefühlen und der Hoffnung, dass die Diagnose vielleicht doch nicht zuträfe. Auch die Frage nach dem "Warum" haben wir uns immer wieder gestellt.
Emotionale Hilfe erhielten wir in dieser Zeit ausschließlich im engsten Familienkreis. Außenstehende, auch bisher gute Freunde, die keine Erfahrungen mit Behinderung hatten, konnten unsere Trauer kaum nachvollziehen und keine Hilfen leisten.
Mit 10 Monaten erhielt unsere Tochter ihre ersten Hörgeräte. All unsere Erwartungen ruhten nun auf diesen Hörgeräten. Ich gehe davon aus, dass man uns im Jahr 2003 zu einer Cochlear Implantation raten würde und denke, dass wir diese Möglichkeit angenommen hätten. All unsere Erwartungen würden heutzutage auf der erfolgreichen Sprachanbahnung durch das Cl liegen. Durch die HNO-Klinik und durch Fachbücher informiert wussten wir, dass eine frühe Hörgeräteversorgung und ein gutes Hörtraining wichtig war für die lautsprachliche Entwicklung unseres Kindes. Die lautsprachliche Entwicklung erschien uns damals - neben der sozialen Entwicklung - als das Wichtigste überhaupt. Wie sollte unser Kind - in einer hörenden Umwelt - zurechtkommen, ohne Sprache?

Sicher, es gab die Gebärdensprache, aber diese Sprache beherrschten nur die Gehörlosen und kaum ein Hörender. Selbst wenn wir bereit wären, diese Sprache zu lernen, so könnte sich unser Kind niemals mit Hörenden verständigen. Nein, unser Kind sollte später einmal alleine - ohne fremde Hilfe - in der Welt der Hörenden zurecht kommen. Hierzu braucht es - nach unserer Meinung - Lautsprache.

Wir waren bereit, alles auf uns zu nehmen damit unser Kind sprechen lernte. Die Gemeinschaft der Gehörlosen war uns fremd und unser Kind gehörte zu uns. Es sollte in die Gemeinschaft der Hörenden hineinwachsen. In dieser Meinung wurden wir - von der HNO-Klinik - die uns damals betreute - bestärkt. Kontakt zu anderen Eltern hörbehinderter Kinder oder gar zu hörbehinderten Erwachsenen hatten wir zum damaligen Zeitpunkt nicht. Auf Anraten der Klinik wandten wird uns an die Beratungsstelle der Rheinischen Schule für Schwerhörige, Köln. Unsere Tochter wurde mit 11 Monaten in die Frühbetreuung der Schwerhörigenschule aufgenommen.

Die Schwerhörigenschule betreute uns durch regelmäßige Hausbesuche eines Sonderpädagogen. Unser Betreuer besucht uns einmal in der Woche. Ich habe diese wöchentlichen Hausbesuche als große Entlastung empfunden. Endlich hatte ich einen kompetenten Ansprechpartner, der ein offenes Ohr hatte für meine Sorgen und Nöte. Auch wurde mir in der einen Stunde in der Woche die Verantwortung "für das richtige Arbeiten mit meinem Kind" abgenommen und ich konnte einfach nur Mutter sein.

Der erfolgreiche Verlauf der Frühbetreuung hängt sicherlich im Wesentlichen von der persönlichen Eignung des Betreuers ab. M.E. ist das wichtigste Rüstzeug des Frühbetreuer soziale Kompetenz neben seiner fachlichen Qualifikation als Heil-Pädagoge.

Durch unseren damaligen Betreuer bekam ich auch den ersten Kontakt zu einer anderen betroffenen Familie. Dieser Kontakt war für mich auch sehr wichtig und hilfreich. Heute wird die Frühbetreuung durch die Frühförderzentren geleistet. Hier findet wohl auch der Austausch mit anderen Eltern statt.

Was wir uns damals gewünscht hätten, wäre eine umfassendere Information über alle möglichen Förderwege gewesen, sowie die Information über Selbsthilfeorganisationen und der Kontakt zu erwachsenen Betroffenen.

Im Kindergarten für schwerhörige Kinder
Mit 3 Jahren kam Stefanie - auf unseren Wunsch - versuchsweise in den Kindergarten der Schwerhörigen-Schule. Stefanie sprach zum damaligen Zeitpunkt einige Worte.Trotz intensivem Hörtraining hörte sie mit - aber auch ohne ihre Hörgeräte - praktisch nur das Tamburin. Die Hörgeräte hatten trotz intensiver Bemühungen aller Beteiligten nicht dazu geführt, dass unser Kind Sprache über das Ohr wahrnehmen konnte. Die Verständigung in unserem häuslichen Bereich funktionierte in diesem Alter auf niedrigem Niveau.

Stefanie versuchte sich lautlich zu äußern. Außenstehende konnten sie nicht verstehen. Wir malten und fotografierten viel, um sie auf Neues vorzubereiten und Erlebtes zu verarbeiten. Gebärden benutzen wir nicht. Die sprachlichen Erfolge unserer Bemühungen waren lange nicht so, wie wir sie uns erhofft hatten. Aber wir waren fest überzeugt, das Richtige für unser Kind zu tun. Was der erfolgreiche Spracherwerb von Cl-Kindern in der heutigen Zeit betrifft, verweise ich auf die umfangreiche Studie von Frau Prof. Szagun. ("Wie Sprache entsteht", ISBN 3407221037).

Es wurden 22 normal hörende Kinder untersucht und 22 Cl implantierte Kinder. Alle Cl-Kinder waren vor dem Spracherwerb ertaubt. Alle Kinder wuchsen einsprachig mit Deutsch als Muttersprache auf. Bei den normal hörenden Kindern begann die Untersuchung im Alter von 1 Jahr und 4 Monaten, bei den Cl-Kindern 5 Monate nach der Erstanpassung des Cl. Mehr als die Hälfte (12 von 22) der Cl-Kinder wiesen eine stark verzögerte Sprachentwicklung auf,d.h.die Cl-Anpassung war in diesen Fällen nicht so erfolgreich. Bei 10 von 22 Cl-Kindern war die Sprachentwicklung im Vergleich zu den NH-Kindern nur leicht verzögert, also die Cl-Anpassung war erfolgreich. Der Erfolg hing nur wenig vom Alter der Kinder bei der Cl-Versorgung ab (1 Jahr und 2 Monate sowie 3 Jahre und 10 Monate). Je niedriger die Hörschwelle vor der Operation lag, um so größter waren die Fortschritte nach der Operation. Es gibt also auch heute bei den Cl-Kindern ein doch verhältnismäßig großes Klientel, die nicht so erfolgreich versorgt werden kann, genauso wie damals bei der Hörgeräteversorgung!

Im Gehörlosen-Kindergarten
Nachdem Stefanie ein Jahr den Schwerhörigen-Kindergarten besucht hatte, wurde uns empfohlen, sie probeweise in den Gehörlosen-Kindergarten zu schicken. Sie war mittlerweile 4 Jahre alt, aber ihr Sprachschatz hatte sich nicht wesentlich vergrößert und sie verständigte sich immer mehr mit Gesten. Auch merkte ich, dass ihre Freundinnen und Freunde im Schwerhörigen-Kindergarten besser und schneller zurecht kamen als sie. Schweren Herzens machten wir einen Termin mit dem Kindergarten der Gehörlosenschule.

Dies war das erste Mal, dass wir mit einer Gruppe von gehörlosen Kindern konfrontiert wurden. Die Kinder waren fröhlich, artikulierten beim Unterricht z.T. sehr schön, aber sie verständigten sich untereinander nur mit Gesten. Nach einigen schlaflosen Nächten stand für uns fest, dass wir Stefanie nicht in diese "Gehörlosenwelt" geben konnten und wollten. Sie sollte aber auch nicht wieder in den Schwerhörigen-Kindergarten, wo man ihr nicht hatte helfen können. Heute ist der Wechsel sicherlich leichter und fließender. Die Gehörlosen und Schwerhörigenschulen werden unter einer Leitung als "Hörgeschädigtenschule" geführt. In den Frühförderzentren wird man m.W.auch Kontakt zu schwerhörigen und gehörlosen Kindern, bestenfalls zu gehörlosen Erwachsenen bekommen.
Wir wandten uns damals hilfesuchend an eine Therapie-Einrichtung der oralen Richtung in Siegen. In dieser Einrichtung fanden wir die Hilfe, die wir suchten. Ich fuhr alle 2 Wochen in diese Einrichtung, erhielt dort Anleitung und Anregung für die Arbeit mit meinem Kind. Unsere Tochter blieb vormittags bei mir zu Hause, 3 Nachmittage in der Woche ging sie mit ihrer älteren Schwester in unseren örtlichen Regelkindergarten. Wir malten, fotografierten und schrieben alles auf, was wir erlebten. Wir unternahmen viel, auch mit hörenden Freunden. Ihr Sprach- und Ablesewortschatz wurde größer, sie gestikulierte immer weniger. Aber nach wie vor konnten Außenstehende sie nicht verstehen, konnten wir keine entspannte Unterhaltung führen. Auch ihr Wissensstand war erheblich geringer als der gleichaltriger Kinder. Ihre sozialen Kontakte - zu hörenden Kindern - wuchsen durch ihre hörende Schwester.

Obwohl Stefanie - nach 2 Monaten zuhause - sprachlich Fortschritte gemacht hatte, wandte ich mich an die Gehörlosenschule mit der Bitte um professionelle Hilfe in Artikulation. Ich fühlte mich in die Rolle des Therapeuten gedrängt und total überfordert. Die ganze Familie litt unter dieser Situation. Zum Glück hatten wir Großeltern, die sich liebevoll um die ältere Schwester kümmerten, die mit Sicherheit in dieser Zeit viel zu wenig Aufmerksamkeit von mir erhielt.

Inzwischen hatte ich endlich erkannt und fing an, es langsam zu akzeptieren, dass mein Kind ein gehörloses Kind war und dass auch ich nicht das Unmögliche möglich machen konnte. Stefanie war inzwischen fast 5 Jahre alt. All unsere Bemühungen hatten nicht dazu geführt, dass sie Sprache über das Ohr aufnehmen konnte. Sie brauchte weitere unterstützende Hilfen, und zwar in Form von Gebärden und Schriftsprache. Die Gehörlosenschule betreute Stefanie von nun an einmal wöchentlich durch Hausbesuche. Ich fuhr weiterhin alle 14 Tage zur Therapie der oralen Richtung und sie ging weiterhin mit ihrer Schwester dreimal wöchentlich nachmittags in den örtlichen Regelkindergarten.

Mit 5 Jahren, ein Jahr vor ihrer Einschulung, schickten wir Stefanie - auf Anraten der Gehörlosenschule - regelmäßig in den Gehörlosen-Kindergarten. Sie hatte in der Zwischenzeit recht gute Fortschritte gemacht; Wortschatz und Wissensstand verbesserten sich. Die Verständigung in der Familie funktionierte gut. Wir erlebten ja fast alles gemeinsam. Wir verstanden ihre Äußerungen, ihr Ablesewortschatz wurde immer besser. Wir benutzen unterstützend Gebärden. Außenstehende stellten fest, "dass dieses taube Kind lautierte" aber sie konnten ihre Äußerungen nicht verstehen.

Stefanie ging also jeden Morgen in den Gehörlosen-Kindergarten. Dank der guten Betreuung zur Zeit der wöchentlichen Hausbesuche hatte ich jetzt Vertrauen in diese Institution gefasst. Ich wusste, dass wir alles uns mögliche versucht hatten, um unser Kind in die Welt der Hörenden zu integrieren. Es war uns nicht gelungen! Sie hatte zwar in diesem Alter - dank ihrer Schwester - im Umgang mit hörenden Freunden keine großen Schwierigkeiten, aber ihr sprachliches Defizit wurde mit zunehmendem Alter immer deutlicher und ihre sozialen Kontakte zu Hörenden nahmen immer mehr ab. Im Gehörlosenkindergarten knüpfte sie wirkliche Freundschaften, die sich auch über Jahre - bis heute - gefestigt haben. All dies wurde von der gesamten Familie als große Entlastung empfunden. Besonders ihre Schwester war von der Belastung entbunden, sie ständig als "Anhängsel" in ihrem eigenen Freundeskreis integrieren zu müssen und als Dolmetscher zu fungieren.

In der Schule
Mit 6 Jahren wurde Stefanie in die Rheinische Schule für Gehörlose, Köln, eingeschult. Stefanie fühlte sich in diesem Klassenverband gut aufgehoben und sehr wohl. Aufgrund des großen Einzugsgebietes der Schule mussten die außerschulischen Kontakte zu ihren Klassenkameradinnen von den Eltern besonders unterstützt und gepflegt werden. Dies war oftmals mit langen Autofahrten verbunden. Hieraus haben sich auch Freundschaften zwischen den Eltern entwickelt, die heute noch bestehen. Die Grundschulzeit war für uns - nach dem schweren Wege des "Suchens und der Akzeptanz" - eine Zeit der Entspannung. Stefanie hatte Freunde und Freundinnen, mit denen sie sich partnerschaftlich messen konnte. Wir hatten in der Schule kompetente Ansprechpartner.

Für die Pädagogen war es nicht einfach, der breiten Spanne von Voraussetzungen und Möglichkeiten der Kinder innerhalb des Klassenverbandes immer gerecht zu werden. Schulisch machte Stefanie Fortschritte, auch wenn sie dem Wissensstand gleichaltriger hörender Kinder sicherlich um einige Jahre hinterher hinkte. Auffällig war, dass gerade die Kinder gehörloser Eltern, die ja mit Gebärdensprache aufgewachsen waren, oftmals zu den pfiffigsten in den Klassen gehörten. Lautsprachlich waren sie mindestens so gut wie die Kinder der hörenden Eltern.
Nach der 6. Klasse wechselte Stefanie in die Rheinisch-Westfälische Realschule für Hörgeschädigte in Dortmund. Dies war erstmals mit einer Trennung von der Familie verbunden. Die Woche über lebte sie im Schülerinternat der Realschule Dortmund. Für die Familie war es zuerst schwer, sich für die Unterbringung im Internat zu entscheiden. Es hat sich aber für Stefanies Persönlichkeitsentwicklung als sehr positiv erwiesen. Ihre Selbstständigkeit, ihre Mobilität und ihr Horizont wuchsen. Sie hat auch im Internat für Hörgeschädigte bleibende Freundschaften geschlossen.

Die Woche über war Stefanie im Internat, an den Wochenenden war sie meist per Bus und Bahn in ganz NRW unterwegs und pflegte ihre Freundschaften mit hörgeschädigten jungen Menschen. Ihre Kontakte zu Hörenden aus unserer Nachbarschaft brachen völlig ab. Hörende Freunde hatte unsere Tochter ab dem 14. Lebensjahr nicht mehr.

Ihr Leben als junge Erwachsene
Im Sommer 2000 verließ Stefanie die Schule mit dem Realschulabschluss. Heute macht sie eine Ausbildung als Bauzeichnerin. Sie wohnt zusammen mit ihrem schwerhörigen Freund in einer eigenen Wohnung und ist im Besitz des Führerscheins. Ihre Hörgeräte trug sie ab dem 14. Lebensjahr nicht mehr.

Stefanies Wortschatz und ihr Wissen haben sich im Laufe der Schulzeit kontinuierlich verbessert, auch wenn er immer noch dem von Hörenden hinterher hinkt. Aber sie lernt auch heute noch jeden Tag dazu. Ihr Wissen und ihr Wortschatz wird - so denke ich - mit zunehmendem Alter immer weiter zunehmen. Hier bietet das Internet vor allem eine große Hilfe. Sie versucht nach wie vor, sich gegenüber Hörenden lautsprachlich zu äußern. Ihre Äußerungen können jedoch von Außenstehenden auch heute noch nur sehr schwer verstanden werden. Dies wird sich - so denke ich - nicht mehr wesentlich verbessern. Bei der Kommunikation mit Hörgeschädigten verwendet sie ausschließlich DGS (Deutsche Gebärdensprache). Über einfache Sachverhalte kann sie sich mit uns lautsprachlich verständigen. Bei Außenstehenden können einfache Sachverhalte auch per Schriftsprache verdeutlicht werden. Um komplizierte Sachverhalte verstehen zu können, braucht sie die Unterstützung durch Gebärden und Schriftsprache.

Wir denken heute, dass wir von Anfang an, neben dem Hörtraining, die entspannte Kommunikation und Wissensvermittlung über Gebärden hätten anbieten sollen! Ich habe einige Gebärdenkurse besucht. Meine Gebärdensprachkompetenz ist nicht perfekt, wird aber dankbar angenommen. Ihr Vater gebärdet nicht so gut, hat aber eine emotional starke Bindung zu unserer Tochter. Ihre Schwester gebärdet sehr kompetent, ist die engste Vertraute von Stefanie. Sie wird einen sozialen Beruf ergreifen und studiert Heilpädagogik im 6. Semester. Stefanies Schriftsprache ist nicht fehlerfrei, verbessert sich aber kontinuierlich. Der Gebrauch moderner Kommunikationstechniken ist hilfreich (e-mail, Fax, SMS).

Für die Zukunft unserer Tochter wünschen wir uns nach wie vor, dass sie auch in der Welt von Hörenden zurecht kommt. Dabei wird sie sicherlich immer auf das besondere Verständnis und die besondere Unterstützung unserer Gesellschaft angewiesen sein.
Wir wünschen uns vor allen Dingen, dass sie ein erfülltes Leben führen wird. Wir wissen heute, dass sie hierfür auch den Kontakt zu ihren SchicksalsgenossInnen braucht. Mein Vortrag wäre zu einseitig, würde ich unberücksichtigt lassen, dass zur Persönlichkeitsbildung eines Menschen schlechthin neben der sprachlichen auch die soziale Entwicklung gehört. In diesem Punkt kann ich viel Positives berichten. Ein Glücksfall war und ist es, dass Stefanie eine Schwester hat, die wegen des geringen Altersunterschiedes gleichzeitig ihre Freundin ist. Wir selber haben es immer wieder gefördert, dass die außerschulische Pflege der Freundschaften mit gehörlosen und schwerhörigen Freunden nicht zu kurz kamen. So haben wir uns auch in Elternvereinigungen engagiert und an den regelmäßigen Treffen mit unseren Kindern teilgenommen. Der Austausch mit gleichermaßen betroffenen Eltern hat uns immer wieder Hilfe und Unterstützung gegeben.

Mein Fazit
Rückblickend möchte ich mein persönliches Fazit ziehen:
  • Die Familie mit einem behinderten Kind braucht die ganz besondere Unterstützung unserer Gesellschaft.
  • Die Unterstützung sollte unmittelbar einsetzen, nach dem die Diagnose gestellt wurde
  • durch umfassende Information über alle Möglichkeiten der Förderung und Bildung
  • durch professionelle Beratung von Ärzten, Fachleuten, Psychologen, Pädagogen
  • durch Kontakte zur Selbsthilfegruppen und erwachsenen Betroffenen
  • durch regelmäßige Betreuung durch die Frühförderzentren
  • durch einen Austausch zwischen den medizinischen Einrichtungen und den Förderzentren
  • Die Familie darf nicht als Co-Therapeut missbraucht werden
  • Die Integration eines sinnesgeschädigten Menschen in der Regelschule halte ich persönlich für problematisch. Sie ist sicherlich nur dann möglich, wenn alle Voraussetzungen hierfür sehr günstig sind. Der Kontakt zu gleichermaßen Betroffenen sollte immer angeboten werden.
  • Die Sondereinrichtung muss aber auf jeden Fall erhalten bleiben; wobei man über Ganztagsangebot nachdenken sollte.
  • Der Methodenstreit der Fachleute - Lautsprache kontra Gebärdensprache, Cl kontra Gebärde - hat m.E. an Sondereinrichtungen für Hörgeschädigte nichts zu suchen und geht zu Lasten der Betroffenen.
  • Alle Möglichkeiten der Wissensvermittlung und Sprachanbahnung müssen an der Hörgeschädigtenschule genutzt werden.
  • In diesem Zusammenhang ist es vor allem wichtig, dass die angehenden Gehörlosen-Pädagogen in den Ausbildungsstätten auch prüfungsrelevant dazu befähig werden, Gebärdensprache anzuwenden und zu verstehen.
  • Die Förderung muss ganzheitlich erfolgen, sie darf sich nicht nur an dem Defizit des Betroffenen orientieren, sondern muss vorhandene Ressourcen stärken.


In diesem Sinne möchte ich meinen Vortrag beenden und Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit danken.
Artikel-Note: 1.9


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